Gorzow in dreieinhalb Stunden
Juni 19, 2008
Von Berlin-Lichtenberg bis Kostrzyn: In 180-Grad-Kehre über die Grenze
In Berlin-Lichtenberg treffe ich im September 2007 meinen alten Schulfreund Thorsten. Seines Zeichens Bahn- und Straßenbahnliebhaber und gerne mal auf Achse. Früher sind wir nach Hamburg gefahren, nur um U-Bahn zu fahren – er – und Fotos zu machen – ich. Eigentlich kannten wir uns nur ein Jahr. Dann trennten sich unsere Wege für 15 Jahre, bis er mich Anfang letzten Jahres über das Internet wieder ausfindig gemacht hat. Nun sind wir wieder ab und zu auf Achse, fahren reichlich Bahn, Straßenbahn, U-Bahn und S-Bahn. Der Rest einer Stadt wird zu Fuß abgelatscht. Je nachdem, was an einem Tag oder in wenigen Stunden zu schaffen ist. Pünktlich um 11 Uhr treffen wir im Bahnhof Lichtenberg aufeinander und wenden uns nach der Begrüßung dem Fahrkartenautomaten zu. Unser Ziel wird die ehemals deutsche Stadt Landsberg, das heute polnische Gorzow sein.
Thorsten ist vom Fach, hat bei der Bahn gearbeitet am Fahrkartenschalter. Routiniert gibt er die gewünschten Daten zum Fahrtziel ein. Der Automat spuckt die Fahrkarte aus. Thorstens Herz hängt an der polnischen Stadt Gorzow. Im ehemaligen Landsberg lebten seine Großeltern. Sein Vater kam dort noch zur Welt. Oft war er schon dort und will nun auch mir die Stadt zeigen. Um 11.34 Uhr startet die Fahrt von Berlin-Lichtenberg nach Kostrzyn mit der Oderlandbahn, einer privat betriebenen modernen Triebwagen-Bahn. Die Fahrt kommt mir bei langsamen Tempo zäh vor. Die Landschaft zieht mit Feldern, Wiesen und Waldarealen leicht hügelig und wenig wechselhaft vorbei. Der deutsch-polnische Grenzort Kostrzyn beziehungsweise Küstrin ist um 12.55 Uhr erreicht. Gleich werde ich in Polen sein, denke ich, komisch. Von allein wäre ich nie auf die Idee gekommen, nach Polen zu fahren. Ich bin gespannt. Wir holen die Personalausweise heraus und betreten das rote Backsteingebäude des Küstriner Bahnhofs. Je zwei deutsche und polnische Grenzbeamte kontrollieren die Ausweise, gucken aber nur kurz darauf, bis wir weiter gehen dürfen. In einer 180-Grad-Kehre erreichen wir noch im Gebäude die polnische Seite und treten, eben noch in Deutschland, nun in Polen aus dem Bahnhofsgebäude wieder heraus auf die polnische Seite des Bahnsteigs. Von dort gehen wir an anderer Stelle ins Bahnhofsgebäude zurück, um die Tickets für die Weiterfahrt zu kaufen. Einen ersten Beleg dafür, dass ich in Polen bin, finde ich über dem Bahnhofskiosk: Tanie Papierosy steht da, und darunter erfahre ich gleich die Übersetzung: Billige Zigaretten. Bei einem Schachtelpreis von etwa sieben bis acht Zloty, das sind gut zwei Euro, kommen Raucher noch voll auf ihre Kosten. Ich krame das erste Mal meine Kamera heraus. Derweil übt sich Thorsten weiter im Polnisch sprechen. Die Fahrkartenverkäuferin sieht zwar nicht so aus, als ob sie wirklich alles verstanden hat, aber er erhält ein passendes Bilet für uns.
Von Kostrzyn nach Gorzow: durch Toilette auf die Gleise geguckt
Noch 43 Kilometer sind es bis Gorzow. Und ab jetzt lässt sich die Bahnreise als Nostalgieerlebnis verklären oder als Abenteuer einstufen. Am Bahnsteig steht ein Zug, den man derart in Deutschland schon Jahre nicht mehr sieht. Hinter der grimmigen, schweren Diesellok reihen sich Waggons aus den 70er Jahren auf. Im Stehen kann ich beinahe unter dem Zug hindurch gucken, so hoch stehen die Waggons über den Schienen. Das Einsteigen gestaltet sich entsprechend schwierig: Die erste Trittstufe prangt einen halben Meter über dem Boden, der Griff zum Festhalten noch höher. Ich brauche Kraft, um mich hochzuziehen. Geschafft. Die Abteile gehen von einem schmalen Gang ab. Bis zu acht Personen finden auf den Sitzbänken Platz. Wir versinken allein im durchgesessenen Polster des Abteils. Der Zug steht noch eine Weile. Ich gucke aus dem Fenster: Ein Mann fegt das unebene Kopfsteinpflaster des Bahnsteigs. Aus den Zwischenräumen der gegenüberliegenden Gleise wächst ordentlich Gestrüpp. Ich gucke auf eine winzige Bretterbude, an der Fryzjer und Friseur steht. Ein Friseur mitten auf dem Bahnsteig? Für Reisende? Für Bahnarbeiter? Die Bude ist kaum zwei Meter breit, tief und hoch, mutet an wie ein Kiosk. Der Friseur hat geschlossen. Vermutlich nicht nur vorrübergehend. Ein Bahnarbeiter klopft plötzlich mit einer Eisenstange gegen die Räder der Waggons. Thorsten klärt mich auf: Am Geräusch ließe sich hören, ob etwaige Risse im Räderwerk vorhanden seien. Offenbar ist alles in Ordnung, denn der D-Zug setzt sich in Bewegung. Laut und hart rollt er über die Gleise. Ich horche auf: tack, tack – tack, tack klingt es metallisch von den Schienen her, während die Landschaft unverändert vorbei zieht. Wenige Häuser und Gehöfte sind zu sehen. Das Auffälligste ist ein Gehege mit weißen Gänsen, das wir passieren. Dann muss es sein, ich muss! Thorsten, der schon war, erschreckt mich mit der Tatsache, dass sich die Toilettentür nicht mehr abschließen lasse. Er verspricht mir, Wache zu halten. Und wie aufregend: Beim Spülen kann man durch die Toilette auf die Gleise gucken. Irgendwann fahren wir über die Oder, dann über die Warthe und kommen in Gorzow Wielkopolski an.
Gorzow: Präsident Lech Kaczynski stoppt Straßenbahnfahrt
Wielkopolski heißt übersetzt Großpolen. Gorzow bedeutet wörtlich: Bergen in Großpolen. Etwa 130000 Einwohner hat das ehemalige Landsberg an der Warthe. Die Stadt feierte jüngst ihr 750-jähriges Bestehen. Im zweiten Weltkrieg verbrannte das sowjetische Heer die Altstadt fast vollständig. Im Januar 1945 wurde das deutsche Landsberg zum polnischen Gorzow. Soweit nicht bereits geflohen, enteigneten und vertrieben die Besatzer die Bewohner. An ihre Stelle siedelte man polnische Bürger an. Mein erster Eindruck nach Verlassen des Bahnhofsgebäudes wird sich im Verlauf des kurzen Aufenthalts von gut drei Stunden nicht mehr ändern: eine traurige, triste und graue Stadt. Sogleich fällt der schlechte Zustand der Straßen auf. Uneben und teils löchrig ist der Asphalt. Selbst die Straßenbahnschienen sehen teils verbogen aus. An Zebrastreifen, so warnt mich Thorsten, dürfe man sich nicht immer darauf verlassen, dass die Autos anhielten. Recht schnell sind wir im Zentrum und gehen zunächst eine kurze Strecke durch den Park Róż, dem Rosenpark. Eine kleine Backsteinbrücke mit Kandelabern führt übers Wasser, drei steinerne Nixen sitzen dort mitten im Nass. Hier zeigt sich stellvertretend für weitere Parkanlagen der Stadt das grüne Gorzow. Schnell haben wir die Grünanlage durchquert und kommen an einer Hauptverkehrsstraße wieder heraus. Gegenüber fällt die noble Fassade des Lokals Batavia Don Vittorio auf, an der wir später Polens Präsidenten Lech Kaczynski sehen werden.
Unser Weg führt an der verkehrsreichen Straße weiter in Richtung der Kathedrale St. Marien vorbei an ebenso schlichten wie gräulichen und schmucklosen Hausfassaden. Das wuchtige Wahrzeichen der Stadt wurde Ende des 13. Jahrhunderts erbaut und liegt heute mitten an einer großen Straßenkreuzung. Der Verkehr rauscht an dem imposanten Backsteingebäude nur so vorbei. Für einen Moment halten die Wagen, Fußgänger wechseln auf die andere Straßenseite. Wir gehen mit. Zwischen der Kirche und dem Supermarkt Tesco befindet sich der Alte Marktplatz, dessen eine Breitseite ein paar schmucke und sanierte Häuser säumen. Sitzbänke und alte Laternen rahmen den Brunnen des repräsentativsten Platzes der Stadt. Eine Bronzefrau zu oberst des Brunnens hat schwer an zwei Eimern zu tragen und symbolisiert den Arbeitsfleiß der Landsberger beziehungsweise Gorzower. Der Springbrunnen ist trocken, das Wasser abgelassen. Der Landsberger Industrielle und heutige Ehrenbürger der Stadt, Hermann Paucksch, stiftete den Brunnen. Eine Gedenktafel in deutscher Sprache ist im Brunnensockel eingelassen.
Wir kreuzen abermals die Straße. Das Postgebäude ist eines der wenigen sanierten und stilvollen Gebäude, die ich sehe. Vis á Vis offenbart sich die Tristesse: marode Hausfassaden, Mietskasernen, von denen der Lack im wahrsten Sinne des Wortes ab ist. Der bauliche Zustand erscheint mir bedenklich. Einige Bewohner haben ihre Balkone auffällig mit Blumen dekoriert, was dem Anblick etwas Pittoreskes verleiht. Weiter. Thorsten zeigt mir die Stelle, an der das Haus seiner Großeltern stand, ungefähr gegenüber der Konkordienkirche recht zentral. Beim Weitergehen fallen mir stets die gräulichen Mietskasernen auf, teils mit Balkonen, deren Farbanstrich schon einige Zeit zurückliegen muss, so schmuddelig wirken das Blau, Grün und Gelb.
Zwischendurch fotografiere ich für Thorsten seine geliebten Straßenbahnen. Es sind alte Wagen aus den 60er Jahren, noch mit Holzsitzen ausgestattet. In Erfurt fährt eine sanierte Bahn dieses Alters Touristen durch die Stadt. In Gorzow quietschen und rattern die Wagen alltäglich durch die Stadt. Wie lange noch, das sei fraglich, sagt Thorsten. Die Bahnen sind im schlechten Zustand, das Geld fehle.
Wir steigen später in die Straßenbahn ein und laufen Richtung Wartheufer. Die Warthebrücke führt die Autos übers Wasser, der rote Belag des Gehwegs ist für Fußgänger wie ein ausgelegter roter Teppich, der in die Stadt führt. Mit schnörkeligen Kandelabern ist die Brücke hübsch gerahmt. Ich stehe wenige Minuten am Wartheufer, gucke zur Stadt hinüber und zur Brücke. Tourismus im Schnelldurchlauf. Dann hören wir viel tatü-tata: ein Tross aus Polizeiwagen und schwarzen Limousinen quert die Brücke. Wir vermuten, dass es politische oder sonstige Prominenz sein müsse. Wir gehen den gleichen Weg über die Brücke zurück und sehen eine Traube eilig die Straße überquerende Menschen, auch Kameraleute und Fotografen, Polizei und schwarz gekleidete Männer mit Knopf im Ohr. Ich halte mit der Kamera aus der Ferne drauf und zoome das Bild auf dem Kameramonitor heran. Ich sehe genau, wie die Bodyquards mich im Visier hatten, und wir kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass es Kaczynski sein muss, den wir im Menschenknäuel ausgemacht haben. Weg ist der auch schon wieder, und wir gehen zurück ins Zentrum. Wir kommen an Resten der mittelalterlichen Stadtmauer vorbei. Ein paar Postkarten möchte ich kaufen. An einer der zahlreich in der Stadt verteilten Kioskbuden sollten sie zu haben sein. Thorsten nennt der Verkäuferin ein Wort, von dem er der Meinung ist, dass es Post- oder Ansichtskarte heißt. Die Frau lächelt und lacht, versteht aber entweder nur Bahnhof oder etwas völlig anderes, von dem Thorsten nicht ahnt, was es bedeutet. Meine auf Englisch vorgebrachte Bitte, do you have postcards, versteht sie auch nicht. Thorstens kleiner Sprachführer weiß mehr. Mit dem richtigen Wort zur passenden Sache, legt sie uns Postkarten vor. Die Wahl ist bei wenigen Motive schnell getroffen. Ich bringe ein polnisches dziękuję für Danke heraus. Da meine belegten Brote schon im Zug dran glauben mussten, entschließen wir uns angesichts der knappen Zeit und der Einfachheit halber, dem polnischen Mc Donalds einen Besuch abzustatten. Der ist auch nicht anders als in Erfurt oder sonst wo auf der Welt. Schnell einen Kaffee getrunken und die Postkarten geschrieben, wollen wir die letzte Stunde für eine Fahrt mit der Straßenbahn nutzen. Wir nehmen auf den Holzsitzen Platz, die Bahn quietscht los und passiert eine Haltestelle. Nach kurzer Weiterfahrt stoppt die Bahn plötzlich. Auch nach Minuten setzt sie sich nicht wieder in Bewegung. Ein paar Männer fangen an, lautstark zu sprechen und zu schimpfen. Jetzt kann ich Polizei sehen und eine quer zur Straße stehende schwarze Limousine. Der Straßenbahnfahrer lässt die Fahrgäste auf freier Strecke aussteigen. Wir sind wieder an unserem Ausgangspunkt in der Straße mit dem Lokal Batavia Don Vittorio angelangt, vor der sich einige Menschen versammelt haben. Ich höre einen Mann Prezydent sagen, was uns vollends sicher macht, das Lech Kaczynski in der Stadt sein muss. Im Oktober wählt Polen neu, was auch der Anlass seines Besuches in Gorzow sein wird. Der Präsident tritt aus dem Nobellokal heraus. Wir stehen auf der anderen Straßenseite. Er winkt den Leuten kurz zu und steigt in seine Limousine. Jetzt habe ich ihn in der Eile deutlicher, dafür leicht unscharf, auf meinen Fotochip gebannt. Thorsten scherzt vonwegen, dass der Kaczynski doch keine Deutschen möge, weil die doch so ungefähr Polen zurückhaben wollen und wenn der wüsste, dass er auch zwei Deutschen zugewunken hat. Wir lachen darüber und gehen den Rest des Weges zum Bahnhof zu Fuß.
Thorsten kauft noch ein paar Kartoffeln an einem Gemüsestand. Auf dem Bahnsteig angekommen, wartet neben uns nur eine weitere Frau auf den Zug. Der Bahnsteig hat keine Gleisnummer und keine Abfahrtstafel weist darauf hin, ob und wann der Zug fährt. Der einzige Zug, der dann einfährt, bringt uns nach Küstrin zurück, wo wir gleich in die Oderlandbahn nach Berlin zurück umsteigen.





