Zeitverschiebungen

Oktober 27, 2008

War die Zeitumstellung eine Stunde zurück am Wochenende noch willkommen, möchte man sie am Montag am liebsten wieder rückgängig machen. Der Gedanke kam mir genau eine Stunde vor Feierabend als ich daran dachte, dass ich um diese Uhrzeit sonst schon hätte nach Hause gehen können. Weil es ja sonst schon sechs wäre und nicht erst fünf Uhr. Gefühlt arbeitet man also eine Stunde länger. Aber man ist ja fit, konnte man doch am Wochenende dafür eine Stunde länger schlafen. Auch sonst verschiebt sich einiges mit der Stunde zurück. Frühstück gibt es früher und nach dem 17-Uhr-Kaffee dürstet es einen schon um 16 Uhr. Nur der Fünf-vor-Sechs-Anrufer bleibt seiner Zeit treu. Zeit ist relativ. Relativ verschoben.

Nachbarn im Doppel

Oktober 9, 2008

Das ist mir noch nie passiert: Dass sich nämlich Nachbarn über MICH beschweren, statt umgekehrt. Schon drei Mal! Ehrlich, was bin ich schon umgezogen. Auch wegen anhaltender Lärmbelästigungen. Jetzt wohne ich erträglich unruhig (Toi, toi, toi). Ich selber verhalte mich auch so. Ruhig meine ich. Doch die älteren Damen aus meiner Nachbarschaft fanden gleich mehrere Gründe, sich über mich zu beklagen. Und das vorzugsweise im Doppel: „Haben sie die Waschmaschine benutzt?“, schallt es mir entgegen, als ich die Tür öffne und mich einer mir unbekannten Frau gegenübersehe. Die hält sich nicht damit auf, „guten Tag“ zu sagen. Verdutzt gucke ich die Frau an und bejahe ihre Frage. „Die haben sie aber nicht schön hinterlassen!“. Die Frau zitiert mich in den Keller. Ich kriege etwas Angst und frage mich, was ich verbrochen haben könnte. Im Waschraum wartet eine zweite Nachbarin aus dem Hause. Zusammen beginnen sie, mich in die Geheimnisse der Waschküche und der Handhabung der Waschmaschinen einzuweisen.

Die erste Frau zieht die Gummilippe der Waschtrommel zur Seite und deutet auf die kleine Wasserpfütze, die sich unsichtbar darunter gesammelt hat und nach Beendigung des Waschganges dort stehen blieb. Das ahnte ich nicht mal! Und noch ein Wasserreservoir versteckte sich im Inneren der Waschmaschine: Auch im Weichspülerfach blieb das Nass stehen. Die erste Frau demonstriert mir, wie man die Waschpulverlade herausnehmen kann und das Restwasser in den Ausguss entsorgt. Beide Frauen erklären mir den Zweck dieser Tat, die ich ahnungslos unterließ: Das Wasser könne anfangen zu modern, wenn es in der Maschine verbliebe und diese einmal eine Woche nicht in Betrieb sei. Schließlich möchte jeder die Waschmaschine ordentlich vorfinden, sprachen’s und wiesen noch auf den Lappen und das Handtuch hin, mit denen man die Waschmaschine trockenreiben könne. „So, jetzt ist sie eingeweiht“, sagt die erste Frau lachend zur zweiten. Die erste Frau echauffiert sich noch über die Schlieren auf der Edelstahlabdeckung der Waschmaschine. „Das war schon!“, entfuhr es mir panisch und ich bemühte mich um eine schnelle Flucht in meine Wohnung zurück. Das war der erste Streich, der zweite folgt sogleich:

„Sie haben wohl ein Problem, ihr Fenster zuzumachen?“, fragt mich die zweite Frau, die über mir wohnt, Wochen später beiläufig im Hausflur. „Wieso?“, frage ich, während ich überlege, was sie meinen könnte. Sie erklärt mir, dass sie jedes Mal, wenn ich das Fenster zumachen würde, beinahe aus dem Sessel hopsen würde vor Schreck. Das hatte ich bis dahin leider nicht bedacht beim Fensterschließen. Tatsächlich könnten die schweren großen Fenster etwas zu laut in den Rahmen zurückgefallen sein beim Zumachen. Ich verspreche der zweiten Frau, mich zu bemühen, die Fenster künftig leiser zu schließen. Sie beschwichtigt noch: „Wir mussten das auch erst lernen“. Das war der zweite Streich, der dritte folgt sogleich:

Ein Bad zur Erholung sollte es am Abend sein. So plansche ich vor mich hin, als es dreimal kurz hintereinander an meiner Wohnungstür klingelt. Ich denke mir, Pech gehabt (Der Klingler, nicht ich) , ich kann jetzt nicht aufmachen. Doch da kannte ich noch nicht die Nachbarinnen vier und fünf. Es klopft nun auch an der Tür und es klingelt wieder. Ich rufe aus der Wanne heraus, dass ich gerade nicht öffnen könne. „Machen sie mal auf!“, wird gefordert. Ich fasse es nicht, wickle mich in ein Handtuch und tapse zur Wohnungstür. Durch den Spion sehe ich eine alte Frau. Dann öffne ich die Tür einen Spalt. Die alte Dame fragt, ob ich die vor (!) ihrer Tür abgestellten Pakete, die sie für mich angenommen habe, genommen hätte. Ich bejahte das. Der Zettel des Paketzustellers in meinem Briefkasten verwies auf den Namen der Nachbarin vier und die Hinterlegung der Pakete vor der Wohnungstür. Also nahm ich die Pakete dort weg und brachte sie in meine Wohnung, ohne mir etwas dabei zu denken. Genau das war mein Fehler. Die Frau Vier klärte mich auf, dass ich doch wenigstens hätte klingeln müssen, um ihr Bescheid zu sagen. Die vierte Frau sieht mitgenommen aus. Ich versuche eine Erklärung zu geben und sagte ihr, dass ich annahm, dass sie nichts weiter damit zu tun haben wollte, zumal die Pakete auch vor der Tür ihrer Abholung harrten. Plötzlich schiebt sich die fünfte Frau aus dem Nichts bis auf meine Türschwelle. Ich gucke nur noch verdattert. Nachbarin fünf stimmt in den Tenor der Anklage ein, ich hätte doch klingeln müssen, Nachbarin vier sei so erschrocken und habe gedacht, dass ein Fremder die Pakete genommen habe. Nachbarin vier nehme ja gerne Pakete an, aber ich müsse ihr doch Bescheid sagen. Und so hörte Nummer fünf nicht auf, Partei für Nummer vier zu ergreifen. Ich stand da wie der sprichwörtlich begossene Pudel. Unter mir bildete sich ein Pfütze auf dem Parkett. Mehrfach versuchte ich, zu intervenieren, zu signalisieren, dass ich ja verstanden habe und ich bedankte mich für die Paketannahme. Auch versuchte ich zu erklären, dass ich es nicht böse meinte und mir schlicht weg nichts dabei gedacht habe, die Pakete an mich zu nehmen. Nicht nur, weil es meine waren, sondern, weil ich annahm, dass die vierte Frau nichts weiter damit zu tun haben wollte, da die Pakete vor ihrer Tür abgestellt waren und es wohl nur darum ging, sie irgendwie anzunehmen.

Auch Nachbarinnen vier und fünf sagten keinen guten Abend. Den Namen der vierten Frau erahnte ich durch die Notiz auf dem im Briefkasten hinterlegten Zettel. Wie Frau Nummer fünf heißt, weiß ich immer noch nicht, sie hat sich nicht vorgestellt. Ich werde etwas sauer, als die beiden, insbesondere Nummer fünf nicht ablässt, mir Vorwürfe zu machen. Mehrmals setze ich an, um Verständnis zu bitten, wie unpässlich ich doch gerade sei nur ins Handtuch gehüllt, die Haare strähnig und mit nassen Füßen auf dem kalten Boden stehend. Nein. Ich solle doch verstehen…, setzt Fünf völlig unbeeindruckt von meinem Vorbringen wieder an. Irgendwann rutscht mir raus, dass Vier für mich ja keine Pakete mehr annehmen braucht. Hoffentlich ist Nachbarin zwei nicht vor Schreck aus dem Sessel gehopst als die Tür nicht ganz geräuscharm ins Schloss fiel. Inzwischen war der Boden nass, ich hingegen trocken. Das war Streich Nummer drei, der vierte steht noch aus. Meine noch ungeputzten Fenster könnten der nächste Aufreger unter den alten Damen werden.

Aller guten Dinge sind drei, heißt es. Der Spruch hieß ursprünglich „Aller guten Thinge sind drei“. Wiktionary sagt dazu: Ein Thing war eine Ratsversammlung bei den Germanen, bei der auch Recht gesprochen wurde. Wer eines Verbrechens beschuldigt wurde, musste sich spätestens beim dritten Thing nach der Anschuldigung den Richtern stellen. Erschien er auch zum dritten Thing nicht, wurde er in Abwesenheit verurteilt.