Nummer für gelbe Pflaumen
Juli 25, 2008
„Hast du dir die Nummer für gelbe Pflaumen gemerkt?“, fragt die junge Kassiererin. „514“, ruft ihr die Kollegin von der gegenüber liegenden Kasse zu. Während sie die Pflaumen abwiegt kommt mir der Gedanke, wie viele Zahlen man sich doch merken muss im täglichen Leben. Nervös gebe ich die Geheimzahl meiner Bankkarte ins Registriergerät ein. Hoffentlich richtig und ohne Zahlendreher. Und nicht mit der Nummer der anderen Geldkarte verwechseln. Der Vorausschauende kennt auch in Zeiten elektronischer Telefonregister im Handy die wichtigsten Telefonnummern auswendig. Für den Fall, dass er seine Handy-PIN vergisst. Wem die Rufnummer fehlt, der kann die Auskunft anrufen. Verwählt. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Zahlenbürokratismus: Ausweisnummern, Steuernummern, Kontonummern, Kreditkartennummern, Versicherungsnummern, Hausnummern, Aktennummern, Listennummern, Registrierungsnummern, E-Nummern, Servicenummern, IP-Nummern, Autonummern, DIN-Nummern, Identifizierungsnummern. Aneinandergereiht würden die persönlichen Nummern eine lange Schlange ergeben. Ziehen Sie eine Nummer und stellen Sie sich hinten an! Wie war noch gleich die Nummer für gelbe Pflaumen?
Am Anfang steht ein Buchstabe
Juli 19, 2008
Das ist mein Anfangssatz. Nicht preiswürdig. Anders Günter Grass im Roman Der Butt: „Ilsebill salzte nach“. Würzig. Und im letzten Jahr zum schönsten Einstieg in einem deutschen Roman gekürt. Auf Platz zwei wurde Franz Kafkas Anfangssatz aus Die Verwandlung gewählt: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Weltliteratur. Wie auch immer. Am Anfang steht ein Buchstabe. Ich habe in meinen Büchern gekramt und Anfangssätze daraus zu einer neuen Geschichte aneinandergereiht:
(1) Ja, äh. (2) In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetztes Rondell warf. (3) Ein Künstler ist Schöpfer schöner Dinge. (4) Hier fängt die Geschichte an. (5) Wir waren um den ganzen See herumgefahren. (6) Werners Haus lag in einer ruhigen Villengegend. (7) Robert Lieblings Sinn stand nach einer Straße mit Kopfsteinpflaster.
(8) Es ist noch nicht so lange her, zu einer Zeit, als die meisten Leute noch Gaslicht benutzten und Pferd und Wagen den motorisierten Gefährten vorzogen, da lebte in einem grün-weißen Haus an einer hübschen Straße ein kleiner Cocker-Spaniel. (9) An einem Spätherbstnachmittage ging ein alter, wohlgekleideter Mann langsam die Straße hinab. (10) Wir gingen zusammen durch die Heide, abends im Wind. (11) Die Tage waren damals länger, in jenem längst vergangenen Sommer an der See, und die Luft war milder und das Sonnenlicht goldener, das sich flimmernd und flirrend auf einem blauen Meer brach. (12) Klein Erna ischa’n büschen schwach auf die Brust, und da kommt sie denn von die Kasse ’n büschen an die Nordsee von wegen die Luftveränderung. (13) Die zierliche, schmale Frau mit den roten Apfelbäckchen, dem ergrauenden Haar und den klugen, beinah frechen kleinen Augen saß da und drückte die Nase ans Kabinenfenster der Viscount-Maschine, die früh morgens von London nach Paris flog.
(14) Mir raucht der Kopf. (15) Die automatische Weckvorrichtung der Stimmungsorgel neben seinem Bett weckte Rick Deckard mit einem fröhlichen kleinen Stromstoß. (16) „Ich werde die Raucher dieser Welt heilen“. (17) „Was kann man nun von einem Menschen…erwarten?“ (18) Männer und Frauen haben nichts gemeinsam. (19) Laurie Saunders saß im Redaktionsbüro der Schülerzeitung der Gordon High School und kaute an ihrem Kugelschreiber. (20) Der Tod ist der große Herr auf dieser Welt, und unter uns Menschen hat er viele Gehilfen. (21) Riff Lorton blickte auf die Armbanduhr, die er vor einer Woche einem Betrunkenen abgenommen hatte. (22) Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!! (23) Als Mary Lennox in das Herrenhaus Misselthwaite geschickt wurde, um dort bei ihrem Onkel zu leben, sagten alle Leute, einem so unangenehm aussehenden Kind seien sie noch nie begegnet. (24) „Ich sag dir eins, Patricia Anne, ich hab’ es satt, ständig die Sexsklavin für irgendeinen Mann zu spielen“.
Lösungen
1. Loriot’s Heile Welt (Loriot)
2. Effi Briest (Theodor Fontane)
3. Das Bildnis des Dorian Gray (Oscar Wilde)
4. Die Stadt der Träumenden Bücher (Walter Moers)
5. Der Himmel hat viele Farben (Lale Andersen)
6. Ich heirate eine Familie (Curth Flatow)
7. Liebling Kreuzberg (Alexander Rentsch)
8. Susi und Strolch (Ward Greene)
9. Immensee (Theodor Storm)
10. Worpswede (Rainer Maria Rilke)
11. Miss Lizzie (Walter Satterthwait)
12. Klein Erna
13. Ein Kleid von Dior (Paul Gallico)
14. Der Geschichtenverkäufer (Jostein Gaarder)
15. Blade Runner (Philip K. Dick)
16. Endlich Nichtraucher (Allen Carr)
17. Anleitung zum Unglücklichsein (Paul Watzlawick)
18. Ein Pyjama für Zwei (Marvin H. Albert)
19. Die Welle (Morton Rhue)
20. Das war mein Leben (Ferdinand Sauerbruch)
21. West Side Story (Irving Shulman)
22. Max und Moritz (Wilhelm Busch)
23. Der geheime Garten (Frances Hodgson Burnett)
24. O du Mörderische (Anne George)
Praktikumsbericht I
Juli 13, 2008
Mein Berufspraktikum absolvierte ich im März 1989 im Bremerhavener Schiffahrtsmuseum (das man zu der Zeit noch mit zwei „f“ schrieb) im dortigen Fotostudio und Labor. Damals war ich Fünfzehneinhalb. Das dreiwöchige Praktikum sollte der beruflichen Orientierung dienen und war ein Jahr vor Schulabschluss abzulegen. Fotografin war mein Wunschberuf. Später riet man mir bei der Berufsberatung davon ab. Mit nur einem sehenden Auge sei das nötige dreidimensionale Sehen nicht gegeben. Wozu man das in der Fotografie braucht, weiß ich bis heute nicht. Während des Praktikums musste jeder Schüler einen Bericht anfertigen. Meine Beschreibung eines Tagesablaufs im Betrieb gab ich so ab:
Um 7.00 Uhr ist Arbeitsbeginn. Der Chef verteilt die Aufgaben. Es muss ein Modellschiff fotografiert werden. Das sind anderthalb bis zwei Stunden Arbeit. Dann muss entwickelt werden. Bilder, Bilder, Bilder. Hin und wieder kommen Leute vom Museum und erläutern ihre Wünsche. Repros, große und kleine Modellschiffe, alte Medaillen, Bestecke und alles, was zur Schifffahrt gehört. Es ist ein kleiner Betrieb, deshalb müssen größere Dinge, insbesondere Farbmaterialien auch ins Großlabor geschickt werden. In einem solchen Betrieb ist es mit drei Mann und wenig Platz unmöglich, 80 Papierbastelbögen zu fotografieren und dann auch noch mehrere Vergrößerungen von ein und demselben Papierbogen herzustellen. – und dann auch noch in begrenzter Zeit. Dieses Fotolabor ist keines, wo Aufnahmen von Leuten angenommen werden, die im Urlaub fotografiert haben. Der Betrieb gehört speziell zum Schifffahrtsmuseum und es werden hauptsächlich Archivaufnahmen hergestellt, die später von anderen Leuten nummeriert werden und dann in irgendeinem Karteikasten verschwinden. Um 16 Uhr ist Arbeitsende.
Im Bild: Das bin ich beim Fotografieren eines Modellschiffes
Dazu gehört der Praktikumsbericht II